Unser virtuelles Über-Ich & unser Mediales Ich

Unser virtuelles Über-Ich & unser Mediales Ich

über ich

(„Unser virtuelles Über-ich“ Original veröffentlicht am 2. Juni 2013)

Als studierter Kommunikationssoziologe muss ich mal, nach der großen Aufmerksamkeit für (psychologisch-systemisch) körperliche Prozesse, wieder einen thematischen Bogen schlagen und möchte die Selbstbild-Thematik erneut aufgreifen.

Haben Sie einmal einen so genannten „Shitstorm“ im Netz genauer verfolgt? Dann haben sie auch beobachtet, wie schwer oder unrealisierbar es ist, dass Menschen ihre virtuelle/mediale Person allein lenken oder ganz selbständig inszenieren können. Selbstverständlich hat man einen starken Einfluss – so als Hauptpate dieses Anteils. über-ich

 

Über-ich oder „mediale Persona“

Unsere mediale Persona, die uns rund um die Uhr umgibt, 24/7 – per Smartphone, Note-, Netbook, Touch-Pad, Desktop und bald auch Headset – ist ein wichtiger Anteil unseres Ichs geworden. Für immer mehr Menschen wird dieser Anteil immer wichtiger. Schütteln wir nicht manchmal erstaunt den Kopf darüber, etwa beim „Absturz“ prominenter Politiker, wenn sie Aussagen und Behauptungen in extra Live-Sendungen tätigen, die sich überhaupt nicht halten lassen können? Das kann nicht nur schlechte Beratung oder „blinder Machterhaltungswunsch“ sein – man fragt sich, ob nicht Menschen wie Guttenberg oder Wulff sich an einer bestimmten Stelle „selbst geglaubt“ haben.

Die Medien sind voll von Beispielen, und sie haben daraus längst eine eigene Rubrik geschaffen mit dem „Enthüllungs“-Journalismus… Fragen Sie doch mal einen klassischen Psychoanalytiker, wo er persönlich die Grenze setzen würde zwischen „moderner“ und „gestörter“ Ich-Wahrnehmung einer Persönlichkeit.

Sollte man in unserer heutigen Zeit nun Freuds einfaches Strukturmodell der Psyche um eine vierte Ich-Instanz erweitern: eine Art „virtuelles über-ich“ und/oder „mediales Ich“? Tatsächlich ist doch aus der Entwicklung des Markenbewusstseins in unserer Gesellschaft auch eine Entwicklung des persönlichen Imagebewusstseins entstanden.

Was denken Sie diesbezüglich nun bei der Beobachtung eines weiteren Persönlichkeits-Skandals, oder sogar eines noch unberechenbareren, virtuellen „Shitstorms“ im Internet: Besitzen wir Alle wirklich noch jederzeit die abstrakte und ständige Abgrenzungsfähigkeit unserer „eigen-geistigen“ Persönlichkeitsanteile gegenüber den virtuellen? Und wohin, glauben Sie, geht hierbei die Entwicklung?… über ich

 

Die 90er sind vorbei

Natürlich stehen wir in der heutigen Medienmoderne ungleich schneller und komplexer in zahlreichen Kontexten – eben auch in moralischer Hinsicht; bei gleichzeitiger, ungehemmter Meinungsäußerungsvielfalt. Eine andere Kultur. Auch im Vergleich zum „Medienzeitalter“ in den 90er Jahren. In unserem gesellschaftlich-medialen (Selbst)verständnis gehen wir oft noch von dieser Zeit aus. Von den 90er Jahren und dem damaligen Wissen über das „Zeitalter der Massenmedien“.

Das ist also das Faszinierende und auch Tragische, wieder einmal, in unserer Fortschrittsgeschichte. Bis heute sind wir mit Begeisterung dabei, ein virtuelles / mediales Persönlichkeits-Ideal in Foren oder Blogs (hüstel!) zu kreieren. Und wir spielen dabei natürlich auch den Chefredakteur (unseres persönlichen „Ego Magazins“), inklusive vieler Bilder und Filmclips. Jedoch erahnen wir nach wie vor nicht die Faust’schen Kräfte, die in unserem Tun verborgen sind.

Wir sollten eigentlich mehr darüber wissen – finden Sie nicht? über ich

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